Die Punks in der Wiener Gassergasse
Eine soziologische Feldstudie aus dem Jahr 1983/1984
Herbert Grabner
ISBN: 978-3-99126-221-3
19×12,5 cm, 200 Seiten, zahlr. S/W-Abb., fadengeheftetes Hardcover
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Kurzbeschreibung
In dieser Studie gelingt es dem Autor ein sehr authentisches und fundiertes Bild der damaligen Wiener Punk-Szene und des Punk-Stils zu zeichnen.
Die Schilderungen der Lebenswege und Einstellungen dieser Jugendlichen geben dem Leser Einblick in eine Welt, zu der man äußerst schwer Zugang findet. Auch gibt es zu dieser Thematik im deutschsprachigen Raum kaum vergleichbare Feldstudien und insofern ist diese Arbeit ein wichtiges und interessantes Zeitdokument.
(Roland Girtler, Soziologe/Kulturanthropolge)
Es ist ein spätes „Denkmal“ für die Wiener Punk-Szene. 40 Jahre nach Veröffentlichung einer Kurzfassung in der österreichischen „Zeitschrift für Soziologie“ liegt nunmehr die gesamte, redigierte Fassung der Diplomarbeit für eine an sozialen Themen interessierte Öffentlichkeit vor. […]
Der Ort der Handlung und meiner damaligen Recherchen war vor allem das „Autonome Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse“ im 5. Wiener Gemeindebezirk, meist kurz „Gaga“ genannt. Jugendkrawalle und Demonstrationen, wie etwa 1980 in Zürich, Berlin, Brighton etc., veranlassten die Stadt Wien (nach Schweizer Vorbild), 1981 auf einem ehemaligen Industriegelände einen „Freiraum“ für diverse alternative Gruppierungen zur Verfügung zu stellen und dann kamen noch die Punks, die sich dort ebenfalls einen Platz eroberten. Mit Möbeln vom Sperrmüll, alten Matratzen und improvisierten Schlafmöglichkeiten, einem sogenannten „Punkbeisl“ mit Billardtisch, Mauern besprüht mit Parolen, alles sehr desolat und chaotisch, jedoch weitgehend ungestört in diesem weitläufigen Areal und gut abgeschirmt von der Außenwelt, besaß dieses „Industrieszenario“ wohl für die Punks auch so etwas wie die „Faszination einer kulturell anderen Welt“.
Der Punk-Stil, ein ursprünglich in amerikanischen und englischen Großstädten kreierter Lebensstil, erregte in der Öffentlichkeit vor allem durch eine als äußerst provokant empfundene Symbolik bzw. Antiästhetik größtes Aufsehen. Es war ein völlig neuartiges und als schockierend empfundenes Äußeres mit Irokesenfrisur, genieteten Lederjacken und Gürteln, bei weiblichen Jugendlichen zerrissene und mit Löchern versehene Strumpfhosen und weiße Ratten, die auf den Schultern mitgetragen wurden, etc. Eine Art von „lumpenproletarischer Selbstinszenierung“, wie es Rolf Lindner (siehe dazu Rolf Lindner: Punk-Rock, Frankfurt/Main 1981, S. 13) bezeichnete. Darüber hinaus weist Punk einen beträchtlichen Dissens gegenüber herkömmlichen Verhaltensweisen und Wertmaßstäben auf. Eine gegen Konsum und Besitzansprüche gerichtete Moral, ein Sympathisieren mit Revolte und Anarchie, Drogenkonsum und auch eine – in den Medien meist ungemein überzogene – Nähe zu delinquenten Praktiken waren vor allem eine Reaktion dieser Jugendlichen auf enorme Probleme in ihrer Sozialisation. […]
(Herbert Grabner in der Einleitung)
[Fotos: Christian Schreibmüller]
Rezensionen
Livio Koppe: „Mei Mutter konnte sich mich nicht leisten“In den 80ern war das Jugendzentrum GaGa in der Gassergasse ein Treffpunkt der jungen Wiener Punks, für einige von ihnen auch ein Zuhause. Dann wurde das Gebäude geräumt. Was blieb von der Szene?
Am Abend des 26. Juni 1983 flogen Ziegelsteine, brennende Matratzen und Molotowcocktails vom Dach des Jugendzentrums in der Gassergasse in Wien-Margareten. Wenige Tage später rissen Bulldozer das Gebäude nieder. Die „GaGa“ war Geschichte. „I hab des erste Mal in meinem Leben a Zhaus ghabt, und jetzt ist alles aus“, sagt M.
Im Jugendzentrum in der Gassergasse, von vielen nur GaGa genannt, kamen alle möglichen Jugendströmungen und Subkulturen zusammen. „Die Rocker sitzen neben den Schwulen“, beschrieb die damalige SPÖ-Vizebürgermeisterin Gertrude Fröhlich-Sandner die Vielfalt in der GaGa. 1981 übergab die Gemeinde Wien das Gebäude dem „Verein zur Schaffung, Förderung und Unterstützung von selbstverwalteten Kultur- und Kommunikationszentren“. Dieser eröffnete dort das erste autonome Jugend- und Kulturzentrum Wiens. Hier gab es eine alternative Volksschulklasse; kürzlich entlassene Häftlinge arbeiteten in Werkstätten und Ateliers. Rocker, Mods und Skinheads trafen sich hier – und Punks. Um die 150 davon waren Anfang der 80er in der Gassergasse unterwegs, einige schliefen zeitweise dort.
Mehr als ein Jahr lang besuchte der Soziologe Herbert Grabner damals regelmäßig die Gassergasse. Er war Soziologiestudent, zu den Punks forschte er, weil er immer schon ein „Herz für Außenseiter“ hatte, wie er sagt. In der GaGa lernte Grabner unter anderen M. kennen und schrieb ihre Biografie auf. Er verbrachte Nächte im Punkbeisl, wo zu Punkrock geraucht, getrunken, gekifft und gezogen wurde; spielte Billard mit den jugendlichen Punks. Die meiste Zeit aber beobachtete er und hörte zu.
Vor einigen Wochen, mehr als 40 Jahre, nachdem er sie geschrieben hatte, erschien seine Diplomarbeit als Buch. Zentral in „Die Punks in der Wiener Gassergasse“ sind die Protokolle der Punks M., T. und N., die damals in der GaGa lebten. Alle Zitate der drei Punks stammen aus diesen Protokollen. Ihre Geschichten lassen das Wien der 80er und dessen jugendliche Subkulturen lebendig werden.
M. wurde als Kleinkind ihren Großeltern zur Betreuung übergeben, die Mutter arbeitete damals als Prostituierte in München. „I kenn ehm eigentlich fast gar net“, sagt M. über ihren Vater. Mit elf oder zwölf nahm sie zum ersten Mal heimlich Valiumtabletten. Damals begannen auch die Probleme mit ihrem Großvater: „Er hat mi dauernd gschlagn und gschimpft, dass i a Schlampn bin.“ Einmal versuchte M., sich die Pulsadern aufzuschneiden, aus Frust über ihr Familienleben.
Irgendwann haute sie von zuhause ab, zog zu ihrem ersten Freund und lernte kurz darauf die Punks in der Gassergasse kennen. Wenige Wochen später, M. war damals 16, zog sie in der GaGa ein. „I hab eigentlich a gar keine andere Wahl ghabt; bei meine Großeltern, des wär schrecklich für mich gwesen.“
Die Punkbewegung entstand Mitte der 70er in New York und London. Punks stellen sich gegen die Konsumgesellschaft und soziale Normen. Sie lehnen Arbeit ab und erschnorren, was sie zum Leben brauchen.
Als in den 80ern erstmals Punks über den Wiener Stephansplatz spazierten, war die Öffentlichkeit schockiert. Irokesen-Frisuren, nietenbesetzte Gürtel, schwarze Lederjacken mit Aufschriften wie „Terror“ und „RAF“, lebende Ratten auf den Schultern, das waren „ästhetische Provokationen“, sagt Herbert Grabner.
Aber nicht nur modisch stachen sie heraus, auch sonst hielten sich die Punks nicht an gesellschaftliche Spielregeln: Sie rauchten in der Straßenbahn, urinierten auf der Kärntner Straße und hatten Sex im Volksgarten – für Letzteres wurde T. einmal verhaftet. „Man hat keine Vorstellung davon, was für eine Lawine da in den Medien losgegangen ist“, erzählt Grabner. „Die Punks waren für viele der letzte Abschaum.“
Besonders die GaGa war manchen ein Dorn im Auge. ÖVP und FPÖ wollten das Jugendzentrum schließen. Auch Anwohner beschwerten sich, es sei zu laut, es werden Drogen konsumiert. „Die san nackert auf dem Flachdach g’wesen. Geschlafen habn s’ dort miteinander“, wird eine Pensionistin 1983 im Profil zitiert.
Die Stimmung eskalierte, als die Bewohner des autonomen Jugendzentrums am 26. Juni 1983 ein Protestfest abhielten. Sie wollten auf von der Stadt Wien versprochene, aber nicht ausbezahlte Subventionen aufmerksam machen. Kurz nach 20 Uhr gingen erste Beschwerden wegen Lärmbelästigung bei der Polizei ein.
Als zwei Polizisten die GaGa betraten, wurden sie umringt und mit gelbem Lackspray besprüht. Die Polizisten riefen Verstärkung, die Lage eskalierte: Zunächst flogen Ziegelsteine vom Dach des Jugendzentrums, später auch Molotowcocktails und brennende Matratzen.
Um 1.05 Uhr stürmte die Polizei das Gebäude und verhaftete 63 Leute – „unter Anfeuerungsrufen der Anrainer“, schrieb die Volksstimme damals. Auch M. war unter den Verhafteten. „Wias uns alle verhaftet haben, haben di Leut gsagt, vergasts des Gsindl“, sagt sie. Wenige Tage nach der „Schlacht in der Gassergasse“ (Presse vom 28. Juni 1983) wurde das Jugendzentrum abgerissen.
Als die Gassergasse geräumt wurde, war Mike Blumentopf noch kein Punk. Erst 1988 schnitt er sich seinen ersten Irokesen. Er erinnert sich, dass damals bei einer Straßenbahnstation ein Kind auf ihn zeigte: „Der schaut ja komisch aus!“ – „Das ist ein Alien“, antwortete der Vater.
Mike Blumentopf muss lachen, als er diese Geschichte erzählt. Er heißt eigentlich Michael Wollitzer, ist jetzt 53 Jahre alt, sitzt in seinem Atelier in Währing, raucht Tschick und trinkt Bier.
Er trägt einen knallorangen Overall, seine Haare trägt er als „klassischen Iro“, sie sind blau, grün und pink.
Punk ist er noch immer, sagt er, auch ohne Lederjacke und Ratte auf der Schulter. Punk ist schließlich eine Lebensphilosophie für ihn: „Punk sein heißt: Jeder Mensch ist frei, darf aussehen, wie er will, und tun, was er möchte. Solange er kein Arschloch ist“, sagt Wollitzer.
Soll heißen: Eigentlich könnten alle Punks sein. Und trotzdem findet man sie in Wien kaum mehr. Von Punks besetzte Häuser gibt es in Wien derzeit keine. Die letzte große Aufregung ist auch schon mehr als ein Jahrzehnt her: Um Altmieter zu vergraulen, holte sich ein Immobilieninvestor 2011 Punks in sein Haus in der Mühlfeldgasse im zweiten Bezirk und gab ihnen einen bis Juni 2012 befristeten Mietvertrag.
Doch der Plan ging in die Hose, die Punks solidarisierten sich mit den Hausbewohnern. Die alte Pizzeria im Erdgeschoß wurde zur „Pizzeria Anarchia“, gegen Spenden buken die Punks Pizza.
Im Sommer 2014 rückte die Polizei mit Panzerwagen, Hubschrauber und Wasserwerfern an, um das Haus zu räumen. „TAUSENDSIEBENHUNDERT gegen NEUNZEHN“ titelte der Falter damals. Zwölf Stunden dauerte es, bis die 1700 Polizisten und Beamten 19 Punks festgenommen hatten.
Wer sich heute auf die Spuren der Wiener Punkszene begibt, landet im Ernst-Kirchweger-Haus, im Arena-Beisl – und im Venster99. Nahe der U6-Station Alser Straße liegt diese „grungy punk bar“, wie sie die New York Times 2023 beschrieb. An einem Donnerstag Ende Juli spielt die australische Hardcore-Punk-Band Punter dort, es riecht nach Bier, Zigaretten und Haschisch.
Gegen halb neun sitzen ein paar Leute in Lederjacken vor dem Eingang und rauchen. An der Eingangstür prangen Sticker und Schmierereien, ACAB, ein großes, umkreistes A für Anarchie. Viel los ist aber nicht. Wären T., N. und M. hier, sie würden die Gäste wohl Modepunks schimpfen.
Denn die Stilelemente der Punks sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sagt der Soziologe Grabner. Das sei der natürliche Ablauf von Jugendkulturen: „Irgendwann gibt es Künstler, die das in die Welt transportieren, so wie zum Beispiel die Sex Pistols. Sie geben dem eine Bühne und machen es weltweit bekannt.“
Eine neue Ästhetik ist nicht das Einzige, was jugendliche Subkulturen ausmacht. Sie zeigen auch gesellschaftliche Probleme auf.
Welches Problem haben die Punks sichtbar gemacht? „Sie haben gezeigt, dass alleinstehende Frauen ein blinder Fleck der Gesellschaft sind.“
Das zeigen auch die Biografien der drei Punks in Grabners Buch. Alle drei Fälle erzählen von zerbrochenen Familien, abwesenden Vätern und Müttern, die sich nicht alleine um die eigenen Kinder kümmern können. T. etwa wurde als Fünfjähriger einer Kinderübernahmestelle übergeben, er verbrachte seine Kindheit und Jugend in verschiedenen Heimen. „Mei Mutter hat sich mich nicht leisten können“, sagt er.
N. wurde mit 18 von seiner Mutter hinausgeworfen, er landete erst im Obdachlosenasyl und später in der Gassergasse. „Denen wurde die Kindheit gestohlen“, sagt Herbert Grabner. Ohne familiäre Stütze fielen sie durch alle Raster. Die GaGa war das Einzige, was zwischen ihnen und einem Leben auf der Straße stand. Einmal sagte T. zu Herbert Grabner, eine treffendere Bezeichnung für die Punkbewegung wäre „missed generation“.
Nachdem die GaGa 1983 geräumt worden war, verlor Herbert Grabner bald die Spur der drei Jugendlichen. Auch Grabner forschte nicht weiter, sondern arbeitete in der Wirtschaft.
Ein paar Mal sah er T. noch am Naschmarkt und im WUK. Ob T., N. und M. noch leben, weiß er nicht.
(Livio Koppe, Rezension im Falter №32/25 vom 6. August 2025, S. 40 f.)
Karin Krichmayr: [Rezension]
Mehr als 40 Jahre nach dem Abbruch des ersten autonomen Zentrums in Wien erscheint Herbert Grabners Sozialstudie als Buch. Besonders die Protokolle von drei Jugendlichen, die in der Gassergasse wohnten, sind ein wertvolles Zeitdokument einer prekären Subkultur.
I will so hässlich ausschaun, dass si die Leut ankotzn, wenns mi sehn.“ T. ist 19 Jahre alt, trägt getigerte Hosen, Militärstiefel und einen gefärbten Irokesenstreifen auf dem kahlgeschorenen Kopf. Es ist irgendwann zwischen 1982 und 1983. Punk zu sein bedeutet für T., „das zu tun, was mir taugt, total nix mode“. In der Wiener Gassergasse lebt er, „weils woanders nervt“. Das ehemalige Fabrikgelände, auf dem sich eine Reihe von autonomen Projekten inklusive Punkbeisl eingerichtet hat, ist in einem verwahrlosten Zustand, die Wände sind besprayt – der ideale Zufluchtsort für alternative Randgruppen.
Der Weg, der T. zum Bruch mit der Gesellschaft führte, begann mit fünf Jahren, als er von seiner Mutter, einer Putzfrau, einer Kinderübernahmestelle übergeben wurde. „Sie konnte sich mich nicht leisten.“ Der Satz fällt immer wieder in den Gesprächen mit Herbert Grabner. T. hat eine Reihe von Heimaufenthalten hinter sich und verfügt über keinerlei Einkommen. Von Arbeit hält er dennoch nichts: „I will net schuld sein, dass die Wirtschaft besser wird.“
Herbert Grabner ist Soziologiestudent, als er sich im Mai 1982 zum ersten Mal in das Areal des autonomen Zentrums Gassergasse (kurz Gaga) in Wien-Mariahilf wagt, um dort für seine Feldstudie zu recherchieren. Die daraus resultierende Diplomarbeit Die Punks in der Wiener Gassergasse schrieb Grabner bei Roland Girtler, einem Vorreiter der damals noch jungen und vielfach belächelten qualitativen Sozialforschung. Nun, 40 Jahre später, erschien die Studie erstmals in Buchform. Die Einblicke, die Grabner in die damals als extrem provokant wahrgenommene Subkultur gewann, sind heute ein rares Zeitdokument.
Feindbild Punk
„Ich bin wochenlang hingegangen und ignoriert worden“, sagt Grabner heute. Langsam erarbeitete er sich das Vertrauen einiger Jugendlicher, kam mit ihnen ins Gespräch, ließ sie lesen, was er protokollierte. „Sie merkten, dass sie als Subjekt der Geschichte wahrgenommen werden“, erinnert sich Grabner. Er selbst sei damals ein „langhaariger Gammler“ gewesen, mit einer „Liebe zu Außenseitern“. Ende der 1970er-Jahre kam die Punkbewegung, die in Großbritannien aus den Ruinen der wegrationalisierten Arbeiterschaft gewachsen und später auf den Kontinent übergeschwappt war, auch in Wien an. Um aufkeimenden Protesten Jugendlicher wie jener der Burggarten-Bewegung zuvorzukommen, überließ die Gemeinde Wien 1981 das ehemalige Gebäude der Wigast dem „Verein zur Schaffung, Förderung und Unterstützung von selbstverwalteten Kultur- und Kommunikationszentren“. 700 bis 800 Punks dürften es Grabner zufolge zu dieser Zeit in Wien gewesen sein, in der Gassergasse lebte ein „harter Kern“ von bis zu 70 bis 80 Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren.
Die Medien überschlugen sich vor Empörung, die Wienerinnen und Wiener hatten ein neues Feindbild gefunden. „Es wurde eine Ausgrenzungswelle losgetreten, in der die Punks kriminalisiert und fast schon dämonisiert wurden“, schildert Grabner. Der Jungsoziologe wollte wissen, wie man zum Außenseiter wird, warum die Punks einen derart „dramatischen Stil“ kultivierten und wie die Gesellschaft darauf reagiert.
„Extreme Wirklichkeit“
Grabners Begegnungen mit den Jugendlichen, die er mehr als ein Jahr begleitete, entpuppten sich als „Konfrontation mit einer extremen Wirklichkeit“. Das Herzstück seiner Studie sind die Protokolle von T., N. und M., drei Jugendlichen, die für Grabner die Szene repräsentierten. Sie alle eint: Sie stammen aus äußerst prekären sozialen Verhältnissen, geprägt von Armut, psychischen Problemen, überforderten Müttern und abwesenden Vätern. Für viele ist die Gassergasse „des erste Mal a Zhaus“.
N. ist ebenfalls 19 Jahre. Eine Lehre als Sportartikelverkäufer hat er abgebrochen. Seine Lederjacke zieren Aufschriften wie „Terror“, „RAF“ und „1984“. Seine Mutter ließ ihn gerichtlich delogieren, als er nicht ausziehen wollte. Er lebte in einem Obdachlosenasyl, bevor er in der Gassergasse Zuflucht fand. „Als Punk hab i dann erst richtig kennenglernt, was die Leut für Arschlöcher san, zerst lachns an freindlich an und hinter deim Rücken redens irrsinnig arg über di.“
Auch M., 18 Jahre, ist geprägt von einer desaströsen Familiensituation. Die Mutter arbeitet als Prostituierte in Deutschland, sie wächst bei den Großeltern auf. Der Großvater schlägt sie, mit elf, zwölf Jahren beginnt sie, Schlaftabletten und Valium zu nehmen, kurz danach Haschisch. Mit 16 zieht sie in die Gassergasse ein. „Des hab i noch nie vorher erlebt, des Verständnis von de Leut. (…) I bin ma des erste Mal ned unterdrückt vorkummen“, rekapituliert sie im Gespräch mit Grabner.
Gestohlene Kindheit
„Man hat diesen Jugendlichen die Kindheit gestohlen“, sagt Grabner rückblickend. Sie kamen meist an der Schnittstelle von Jugend zur Arbeitswelt mit der Punk-Subkultur in Berührung. „Und dann ist der Faden nicht nur zur Arbeitswelt, sondern auch zur Gesellschaft gerissen.“ Aufgrund der Perspektivlosigkeit, mit der sich viele junge Menschen konfrontiert sahen, sei „missed generation“ eine treffendere Bezeichnung als Punk-Bewegung, gab auch T. zu Protokoll.
Neben der Musik war der unverwechselbare Stil – möglichst anstößig, vulgär bis hin zu obszön – identitätsstiftend für die Punks und grenzte sie von anderen Subkulturen wie Rockern, Skinheads oder Poppern ab. „Lumpenproletarische Selbstinszenierung“ nannte der deutsche Soziologe Rolf Lindner die klassischen Punk-Insignien wie Irokesenfrisur, Nietengürtel, zerrissene Kleidung, Ratten auf der Schulter – die damals noch nicht komplett vom Mainstream der „Modepunks“ aufgesaugt worden waren. Grabner interpretiert die Provokation auch als Versuch, „überhaupt eine gewisse Aufmerksamkeit zu erlangen“.
Erschnorrte Anarchie
Die anarchistische Grundhaltung und die Ablehnung herkömmlicher Werte und Regeln wurden befeuert von Drogenkonsum, Kleinkriminalität und anderen Ausschweifungen, wie auch Grabner hautnah beobachten konnte. Entgegen den heraufbeschworenen Bildern der aggressiven Punks habe er außer Raufereien untereinander und manch einer Auseinandersetzung mit Skinheads nie Gewalt miterlebt, betont Grabner.
„Nullkonsum“ ist Lebensphilosophie, „Schnorren“ die Existenzgrundlage. Grabner beschreibt in seinem Buch, dass das „keinesfalls Betteln“ hieß, sondern eher ein „offensives Fordern“ von etwas, was einem ohnedies zustehe. Ansonsten hatten viele der Bewohnerinnen und Bewohner der Gassergasse nur wenige Kontakte außerhalb der autonomen Community. Es war eine Bastion in einer als feindselig wahrgenommenen Umwelt.
Aggressiver Stil
Etwa ein Drittel der Punks in der Gassergasse waren Mädchen und junge Frauen, die hier Freiräume und eine gewisse Gleichberechtigung fanden, die anderswo nicht möglich waren. „Sie haben aus dem damals noch sehr präsenten Vorurteil, dass Frauen aus der Unterschicht ordinär und primitiv seien, einen aggressiven Stil gemacht, mit zerrissenen Strümpfen, überzeichneter Schminke und einer Sprache, die vor nichts zurückschreckt“, formuliert es Herbert Grabner.
Im Frühjahr 1983 werden mit einem Punkrock-Konzertwochenende „chaotische Ostern“ gefeiert, Konflikte mit Anrainern und der Polizei häufen sich. Im Juni kommt es praktisch über Nacht zur Zerschlagung. Bürgermeister und Bezirksvorsteher beschließen die Räumung. Als die Polizei das Areal stürmt, kommt es zu heftigem Widerstand, Verletzten und mehr als 100 Festnahmen. Kurz darauf fahren Bulldozer auf, die die Gaga dem Erdboden gleichmachen. Die Punks standen wieder auf der Straße und verstreuten sich zum Teil ins Wuk, rund um den Naschmarkt, in das besetzte Haus in der Aegidigasse und ins Arena-Umfeld. Auch Herbert Grabner verlor den Kontakt zu ihnen, nur sporadisch sah er den einen oder die andere auf der Straße.
Seismograf
Heute gibt es für Grabner zwar weiterhin eine Vielzahl von Randgruppen, aber keine jugendlichen Subkulturen in Reinform mehr, wie es die Punks damals waren. Die Hintergründe, wie es zur Ausgrenzung kommt, sind aber über die Zeit hinaus gültig. „Jugendliche sind ein Seismograf der Gesellschaft und zeigen Schwachpunkte auf“, sagt Grabner, der nach seinem Studium von der Soziologie in die Wirtschaft wechselte.
Nach dem Abriss wurde die Gassergasse zum Mythos, Autonome und Hausbesetzer haben sich über die Jahre gehalten – eine Provokation sind sie nicht mehr.
(Karin Krichmayr, Rezension im Standard vom 1. Oktober 2025, S. 22 f., online bereits am 27. September 2025 auf DerStandard.at veröffentlicht)
https://www.derstandard.at/story/3000000288296/des-erste-mal-a-zhaus-wer-waren-die-punks-in-der-wiener-gassergasse
Kerstin Kellermann: „Das erste Mal nicht unterdrückt“
In Wiens erstem selbstverwalteten Jugendtreff, der GaGa, lebten rund achtzig junge Punks. Der heute 70-jährige Vali, der ein Punk-Archiv sein Eigen nennt, erinnert sich an die wilden 1980er-Jahre.
Ein Zirkuszelt am Gelände des Wiener Psychiatrischen Krankenhauses auf der Baumgartner Höhe! Punkbands, wie Die Böslinge, die 1981 am Steinhof auftreten! „Dirt Shit lösten sich leider schon 1980 auf“, erzählt Vali, der behauptet, einer der ersten Punks in Wien gewesen zu sein. Wie als Beweis zeigt er ein Plakat von dem Zirkuszelt-Auftritt am Smartphone her. In Wien gab es in den 1980er-Jahren die Bands Chuzpe, Pöbel, die Frauenband AGEN 53 und die Mordbuben AG. Beim Interview beschreibt Vali die GaGa so: „Die Gassergasse war ein großes Gebäude, eine ehemalige Milchfabrik. Es gab eine Schule, ein Hippie-Beisl, eine Autowerkstatt und das Punkbeisl.“ Die Punks seien für die Sozialarbeiter:innen das Letzte gewesen. Aber die „Schnorrer im ersten Stock“, die von Entrümpelungen lebten, hätten die jungen Punks unterstützt. Im Punk-Proberaum im Keller gab’s ein Matratzenlager. Da übernachteten solche Punks, die nicht heim konnten.“ Das autonome Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse war von der Stadt Wien 1981 unterschiedlichen Gruppen zur Selbstverwaltung übergeben worden.
Gröbere Eltern-Probleme
Kurz darauf wurde die GaGa vom Soziologen Herbert Grabner wissenschaftlich untersucht. Mit 40 Jahren Verspätung wurde seine Studie jetzt erstmals veröffentlicht. Darin erzählt ein 16-jähriges Mädchen: „Des hab i noch nie vorher erlebt, des Verständnis von de Leut …, und durt warn solche Leut, die genau dieselben Probleme ghabt ham wie i …, i bin mir des erste Mal ned unterdrückt vorkummen.“ Auffällig ist, dass um die achtzig sehr junge Punks die Gassergasse bevölkerten, alle zwischen sechzehn und zwanzig Jahre alt. „Einer war sogar erst vierzehn“, erzählt Vali, „der ist heute Tätowierer.“ Nicht wenige Punks kamen damals aus einer Hauptschule im 3. Bezirk, so auch die Band Dead Nittels. Die meisten hatten ganz normale Eltern aus Arbeiter:innenfamilien und hielten sehr zusammen. Manche junge Punks hatten aber schon gröbere Probleme im Elternhaus. Einer der im Buch Interviewten wurde schon mit fünf Jahren bei der Kinderübernahmestelle abgegeben. „Meine Mutter konnte sich mich nicht mehr leisten“, sagte er mehrmals! Als Jugendlicher darf er nur drei Wochen im Obdachlosenheim bleiben, und eine Anmeldung war in der GaGa nicht möglich – daher waren staatlicherseits die Punks Obdachlosen quasi gleichgestellt.
Der schönste Häuserblock
Das Buch ist erstaunlich, wenn man von der zeitgemäßen soziologischen Einschätzung aus 1983/1984 (!) absieht, die sich um „Delinquenz“ oder um „lumpenproletarische Selbststilisierung“ drehte. So dachte der Autor damals, dass sich in der GaGa die Unterschicht emanzipierte – eine These, die er im neu geschriebenen Vorwort nicht mehr teilt. „I hab des überhaupt ned glauben können, wie s’ die GaGa abgrissen haben … es war irgendwie a eigene Wöld … a Häuserblock … des Schönste, was ma si vorstellen kann … und i hab des erste Mal in meinem Leben a Z’haus ghabt. Und jetzt ist alles aus«, beschrieb eine junge Frau ihre Gefühle nach der Räumung. Ein „willkommener“ Anlass für die Räumung sei gewesen, dass die Punks von einem ihnen suspekten Mann aufgehetzt wurden, brennende Reifen auf die Straße zu werfen, erzählt Vali. „Da sind die Autofahrer natürlich ausgezuckt. Nach der Räumung merkten die Punks, dass sie reingelegt worden waren.“ Im Juni 1983 wurde die GaGa geräumt – es gab über 100 Festnahmen! – und das Gebäude sofort mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht.
Valis Opa war Sozialist und beim Schutzbund aktiv. Andere Punks hatten Vorfahren, die als „Jenische“ oder „Politische“ im Widerstand oder im KZ waren. Die ständige Auseinandersetzung mit Nazis kommt auch im Buch vor: „Die Skinheads san unguade Typen. Nazis, die stehn auf den Panenka (Antonín Panenka: Tschechoslowakischer Fußballspieler, Anm.) und san selber Rassisten.“ Oder: „Das Faschistische an unserem System lehnt dieser Punk ab. Er bekennt sich dazu, die Gesellschaft zu hassen. Bürgerkrieg ist o. k., Atomkrieg net, wär mir oba a wurscht.“
(Kerstin Kellermann, Rezension im Augustin. Erste österreichische Boulevardzeitung №629 [=10/2025], Artikel online veröffentlicht am 7. Oktober 2025)
https://augustin.or.at/das-erste-mal-nicht-unterdrueckt/
Alemannò Partenopeo: [Rezension]
„GAGA“, das stand in Achtziger Jahren in Wien weder für Lady noch für Radio, sondern für das erste selbstverwaltete Punk-Projekt in der Gassergasse im 5. Wiener Gemeindebezirk. Aber gerade als der Autor mit seiner Feldstudie begann wurde es auch schon wieder beendet. Die Räumung der GAGA jährte sich 2023 zum 40. mal.
Wiener GAGA-Punk als Lebensstil
Wien und Punk? Gemeinhin wird ja eher London damit assoziiert, als die verschlafene Walzerstadt an der Donau. Aber Herbert Grabner, der Verfasser der hier vorliegenden soziologischen Diplomarbeit, zeigt wie bunt Wien schon damals war und fängt die Aufbruchstimmung der Punk-Welle ein, noch bevor sie völlig in der Kalten Krieg Atmosphäre der Achtziger verendete und verebbte. Der Autor gibt den Leser:innen Einblick in die Lebenswege und Einstellungen der Jugendlichen, die sich für The Clash, Sex Pistols u.ä. auch in Wien begeistern konnten. Mehr noch war Punk allerdings auch ein Lebensstil vor allem für Jugendliche, die aus desolaten Elternhäusern geflohen waren und versuchten, sich etwas Eigenständiges aufzubauen. Neben der soziologischen Einleitung und Heranführung zum Thema durch Erklärung der angewandten Methodik ist das Kernstück seiner Arbeit der Interviewblock mit zwei Exponenten und einer Exponentin, damals ca. 19 Jahre alt. 40 Jahre nach Veröffentlichung einer Kurzfassung in der österreichischen „Zeitschrift für Soziologie“ liegt hier nun auch die gesamte, redigierte Fassung der Diplomarbeit für eine interessierte Öffentlichkeit vor und kann über die Homepage der engagierten „Bibliothek der Provinz“ erworben werden. Eine gute Möglichkeit also, sich wieder mit Utopien zu beschäftigen und sich nach Alternativen zur heutigen Konsumwelt zu informieren. Auch wenn die Bilanz für manche dann vielleicht etwas ernüchternd ausfällt.
„…des is (k)a Witz“
Das „Autonome Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse“ im 5. Wiener Gemeindebezirk, meist kurz „Gaga“ genannt, war von den Jugendkrawallen in Zürich, Berlin, Brighton, London etc., inspiriert. Es beherbergte in der Hoch-Zeit bis zu 30 Initiativen. Die Stadt Wien (nach Schweizer Vorbild) unterstützte vorerst das auf einem ehemaligen Industriegelände ein „Freiraum“ für diverse Außenseiter der Gesellschaft etabliert werden sollte. Die „lumpenproletarische Selbstinszenierung“ der Punks beruhte auf einer ideologischen Ausrichtung gegen Konsum und Besitzansprüche und sympathisierte mit Revolte und Anarchie, Drogenkonsum und Delinquenz, wie auch Rolf Lindner in der Einleitung erläutert. Die Jugendlichen der GAGA stellten die „Legitimität der herrschenden Kulturideologie in Frage“ und stellte sich mit einem langfristig nicht überlebensfähigen Modell in Totalopposition. Einerseits stigmatisierten sie sich als „häßlich“, andererseits hatten sie genau diese Fremddefinition auch bereitwillig übernommen. Zusätzliche Authentizität bekommt die Untersuchung von Grabner durch umgangssprachliche Zitate der drei Interviewpartner im Wienerischen. Viele Fotografien aus der GAGA und ihren Bewohnern:innen ergänzen die inhaltlichen Ausführungen zu Geschlechterparität, Schnorren als Job und dem Traum einer anderen Welt ohne Konsumdenken. „i hab des erste Mal im meinen Leben a haus ghabt, und jetzt is des alles aus“, sagt einer und spricht aus, was sich viele denken. Statt die Jugendlichen einzuschüchtern, hätte es vielleicht geholfen, ihnen zuzuhören. Herbert Grabner tat es und das liest sich auch heute noch gut.
(Alemannò Partenopeo, Rezension im Blog literaturzeitschrift.de online erschienen am 3. Dezember 2025)
https://literaturzeitschrift.de/book-review/die-punks-in-der-wiener-gassergasse/