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Mit Mathilde

Roman

Alexandra Gusetti

ISBN: 978-3-99126-392-0
19×12,5 cm, 136 Seiten, m. Abb., fadengeheftetes Hardcover
20,00 €
Neuerscheinung

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Leseprobe (PDF)



Kurzbeschreibung

„Eines Tages kam sie zu mir. Sie kam an einem kalten grauen Februartag. Mathilde rief mich lautlos, sprachlos, ein liebevoller Schatten. Sie zog mich heftig und doch sanft in ihre Zeit. Unverhofft nahm ich ihre Gegenwart auf, folgte ihr in ihre Welt …“

Spontan und unverhofft kreuzt sich der Lebensweg der Erzählerin mit jenem Mathildes, einer gehörlosen jungen Frau, die in den Wirren der 1920er Jahre in einer psychiatrischen Anstalt strandet und 1940 in Hartheim ermordet wird. Stück für Stück dringt brüchige Vergangenheit an die Oberfläche, bis sich ein Ganzes formt. Über Zeitferne hinweg entsteht ein feiner, sensibler Dialog über Liebe, Verbundenheit, Hilflosigkeit – sowie über die Erschütterung, wozu wir Menschen fähig sind.

Ein Beitrag zur Auflösung transgenerationaler Traumata und zu einem bedingungslosen Nie Wieder.



Mitschnitt der Buchpräsentation von Alexandra Gusettis „Mit Mathilde“ 25. November 2025 im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim [via DorfTV]


Rezensionen
Ida Dehmer: [Rezension]

Ein Ausflug mit der Cousine führt die Autorin mehr zufällig als geplant nach Schloss Hartheim bei Linz, wo die Nazis zwischen 1940 und 1944 rund 30.000 Menschen ermordeten, weil sie ihr Leben als unwert erachteten und die deutsche Rasse rein halten wollten. Da steigt in Alexandra Gusetti eine dunkle Erinnerung auf, dass auch ein Mitglied ihrer Familie väterlicherseits hier möglicherweise ein schreckliches Ende gefunden hat. Der Blick in die Datenbank von Hartheim bestätigt es: Ihre taubstumme Großtante Mathilde Tschom wurde 1940 mit vielen anderen beeinträchtigten Menschen aus dem Pflegeheim St. Josef in Mils/Tirol nach Linz deportiert und in Hartheim vergast.

Alexandra Gusetti, promovierte Philosophin, hätte das Schicksal ihrer Großtante wissenschaftlich aufarbeiten können, denn ihr stehen Quellen zur Familiengeschichte, Mathildes Krankenhausakte aus der Irrenanstalt in Hall und andere Dokumente zur Verfügung. Aber sie wählt einen anderen Weg. Sie taucht in die Vergangenheit ihrer Familie ein, lässt sich von Mathildes Leben berühren, schaut hin, ohne Vorverurteilungen, und will den familiären Nebel der Scham und des Verschleierns lichten, auch wenn es weh tut. Sie trägt Mathilde ein Jahr lang in ihrem Herzen. Mal ist ihr die Verwandte näher, mal ferner, aber immer ist das Anliegen spürbar, der Großtante im Erzählen die Würde zurückzugeben, die mit Füßen getreten wurde. Dabei geht sie vorsichtig und mit großer sprachlicher Behutsamkeit vor. Viele Sätze beginnen mit „Ich stelle mir vor …“, „Vielleicht …“ oder „Ich sehe Mathilde …“

Die Autorin wird zur Erzählerin, die es sich gestattet, angesichts der Grausamkeiten und der Lieblosigkeit, die ihre Großtante in der Irrenanstalt in Hall und im Pflegeheim St. Josef in Mils erfahren musste, Phasen der eigenen Überforderung und des Schmerzes einzugestehen. Wie konnte es passieren, dass Mathilde, 1890 in Zams in eine liebevolle Arbeiterfamilie hineingeboren, ein Opfer der Nazis wurde? Konnten sie nach dem Tod des Vaters die Mutter und die Geschwister nicht beschützen? Auch diesen Fragen nähert sich die nachgeborene Erzählerin an, hebt den Vorhang des Verdrängens und findet eine Familie, die hart ums Überleben kämpfen und sich trotz schlechten Gewissens mit gegenseitigen Beschwichtigungen beruhigen musste.

„Niemals wieder“, das war in der sozialdemokratisch geprägten Kindheit der Autorin selbstverständlich, doch ein klarer Blick auf die politische und gesellschaftliche Atmosphäre heute lässt Alexandra Gusetti zweifeln, ob Menschenliebe und Berührbarkeit für die Not der Schwachen noch stark genug sind für ein „Niemals wieder“. Jede Bibliothek sollte ihren Leserinnen und Lesern diesen schmalen Roman anbieten, denn er leistet einen wichtigen Beitrag gegen wachsende Kälte und Gleichgültigkeit in unserer Gesellschaft.

(Ida Dehmer, Rezension in der Bücherschau №237 = 1/2026, S. 44)


https://buecherschau.at/amfile/file/download/file/2323#page=43


Renate Bader: [Rezension]

„Mathilde“ ist die Lebensgeschichte einer jungen taubstummen Frau in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Jugendzeit erlebte sie mit 7 Geschwistern wohl behütet im Schoß der großen Familie, die dann in den turbulenten Zwischenkriegszeiten zunehmend in finanzielle und räumliche Bedrängnis kam und Mathilde nicht mehr zu Hause betreuen konnte. So war Mathilde ab 1920 im Landes-Irrenhaus in Hall (im Volksmund „das gelbe Häusl“) und kam ab 1928 ins Pflegeheim St. Josef in Mils. 1940 wurde sie nach Schloss Hartheim in der Nähe von Linz deportiert und kam dort in der Gaskammer um.

Ganz unverhofft tritt Mathilde in das Leben der Autorin bei einem Besuch der Gedenkstätte in Schloss Hartheim, als ihr der Familienname ihres Großvaters auf der Liste der Getöteten auffiel. Die wenigen und unklaren Informationen über eine Schwester des Großvaters regten sie an, sich mit dem Leben Mathildes vertrauter zu machen. Berührend wird die Lebensgeschichte dadurch, dass die Autorin, Philosophin und Psychologin sich immer wieder gedanklich an die Seite Mathildes stellt und versucht, deren Leben nachzuempfinden, sei es im Kreis der großen Familie, in der Irrenanstalt oder im Pflegeheim. So wird das Leben Mathildes auch für den Lesenden hautnah erfahrbar und macht sehr betroffen.

Zahlreiche Auszüge aus den Krankenberichten und Aktenvermerken der beiden Institutionen wie auch die ausführlichen, persönlichen Berichte in der Familienchronik geben einen detaillierten Einblick in die Lebensumstände Mathildes und ihrer Familienangehörigen in der Zwischenkriegszeit. Niemals spricht die Autorin von Schuld, vielmehr ist es Scham, dass die Lebenssituation Mathildes von ihrer Familie nicht vorausgesehen und beeinflusst wurde und sie trotz der widrigen Lebensumstände dieser Zeit ihre Schwester nicht mehr unterstützt und geholfen haben. Damit wurde Mathilde auch in ihrer Familie für Generationen „totgeschwiegen“. So kommt die Autorin zu dem Schluss: „Man muss sich aussetzen, nicht nur den historischen Fakten, sondern den konkreten Lebensgeschichten der Opfer. Man muss genau hinsehen, es ganz an sich heranlassen, es spüren, fühlen. Allein in Schmerz und Verzweiflung zu kippen, nützt nichts. Vielmehr braucht es unser klares, beherztes Erkennen, um all den Gefahren der Wiederholbarkeit entgegenzuhalten.“

Von besonderem Interesse ist dieses Buch für Hallerinnen und Haller, denen die Örtlichkeiten, die ehemalige Heil- und Pflegeanstalt Hall und das Pflegeheim St. Josef in Mils, bekannt sind. In den letzten Jahrzehnten haben sich diese zu offenen Zentren für Menschen mit besonderen Bedürfnissen entwickelt. In den Jahren 1940 bis 1942 wurden von hier 360 Frauen, Männer und Kinder nach Hartheim transportiert und in der Gaskammer ermordet. Ein Gedenkort im Areal der Psychiatrie und ein Erinnerungsmahnmal im Netzwerk St. Josef in Mils geben – wie dieses Buch – die Möglichkeit, auch auf zukünftige Ereignisse genau hinzuschauen, sie zu hinterfragen und Gefahren zu erkennen.

(Renate Bader, Rezension in: HALLeluja. Pfarrblatt der Pfarren St. Nikolaus und St. Franziskus in Hall in Tirol, Ausg. 16 (Frühjahr/Sommer 2026), S. 17)


https://www.franziskuspfarre-hall.at/fileadmin/documents/WEB_HALLeluja_Fru%CC%88hjahrSommer_2026.pdf#page=17



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