Emilie
Erzählung
Doris Mühringer, Michaela Weiss
ISBN: 978-3-99126-384-5
22,5×18,5 cm, [32] Seiten, zahlr. farb. Abb., fadengeheftetes Hardcover
20,00 €
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Kurzbeschreibung
In dieser zarten Erzählung von Doris Mühringer zeigt sich eine Sprache, die in ihrer Poesie über alle Altersgrenzen hinwegreicht. Die Illustrationen von Michaela Weiss verfeinern die einzigartige Fliegengeschichte auf kongeniale Weise.
„Eines Abends erscheint Emilie. Setzt sich auf meinen Daumen und putzt sich.
Kopf, Vorderbeine, Flügel, Hinterbeine – Kopf, Vorderbeine … Das dauert eine ganze Weile.
Sie ist klein, nicht größer als ein Reiskorn und zart und zierlich.
Ich bewege den Daumen, weil ich wissen will, ob sie wegfliegt.
Emilie bleibt sitzen. Also ist sie ganz neu. Es hat ihr noch niemand beigebracht, dass man sich vor Menschen fürchten muss. Vielleicht ist sie erst eine Stunde alt. Oder eine halbe. Oder vielleicht erst fünf Minuten. …
Ich könnte sie streicheln, wenn sie nicht so zart wäre. Ich könnte sie töten. Woher weiß sie, daß ich es nicht tun werde?
Emilie putzt sich schon wieder. Ich aber sitze bei der Schreibmaschine, es ist November, draußen schneit es, und ich habe heute noch viel zu tun.
Ich schiebe sie vorsichtig auf ein Blatt Papier und setze sie zum Radiergummi und den Kugelschreibern. Da hat sie Unterhaltung genug.
Und dann vergesse ich Emilie.
Und Emilie vergisst mich. Und das ist ein großes Glück, wie man sehen wird.
Emilie gefällt es bei mir. Gewöhnliche Fliegen summen die Fensterscheiben hinauf und hinunter und wollen hinaus.
Emilie nicht.
Wovon leben kleine Fliegen eigentlich?“
[Illustrationen von Michaela Weiss]
Rezensionen
Silke Rabus: [Rezension]Eines Abends im November ist Emilie einfach da. Ganz still sitzt sie auf dem Daumen der Ich-Erzählerin und putzt sich. Kopf, Vorderbeine, Flügel, Hinterbeine. Und dann wieder von vorn. Zart und zierlich und nicht größer als ein Reiskorn fügt sich die junge Fliege in das Leben ihrer Beobachterin ein. Sie setzt sich auf deren Hände, tanzt auf der Schreibmaschine herum, verirrt sich im Schrank und fällt einmal sogar in ein Glas Bier. Danach ist sie betrunken.
In poetischen Sätzen und doch mit schelmischem Witz fängt die 2009 verstorbene Lyrikerin Doris Mühringer kurze Augenblicke aus dem Leben ihrer Protagonistin ein und lässt dann die Gedanken schweifen – von Fliegenspielplätzen über das Alleinsein bis hin zu Liebe, Freiheit und Glück.
So zart und flüchtig wie die Fliege Emilie präsentieren sich auch die Illustrationen von Michaela Weiss. In zurückhaltenden Farben und durchscheinenden Druck-, Text- und Farbcollagen pendeln ihre Bilder zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, greifen Sätze auf, öffnen Räume fürs Weiterdenken und Träumen.
Es ist ein ruhiges Buch, das seinen Zauber im langsamen Schauen, Nachsinnen und Staunen entfaltet. Die Geduld aber lohnt sich – übrigens auch für die Fliege, die in der Märzsonne dann doch hinaus in die Frühlingssonne fliegt. Ab 3 Jahren.
(Silke Rabus, Rezension in der Bücherschau №237 = 1/2026, S. 102)
https://buecherschau.at/amfile/file/download/file/2323#page=101
Weitere Bücher des Autor*s im Verlag:
Aber jetzt zögerst du
Angesiedelt im Zwischenreich
Auf der Wiese liegend