Café de Vienne
Eine Wunderkammer des Geistes · [Eine feuilletonistisch-fotografische Expedition]
Gregor Auenhammer, Robert W. Sackl-Kahr Sagostin
ISBN: 978-3-99126-368-5
30,5×24,5 cm, 272 Seiten, zahlr. S/W-Abb., fadengeheftetes Hardcover m. Schutzumschl. & Lesebändchen
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Kurzbeschreibung
Wie müsste die ultimative Grabstein-Inschrift auf einem, der typischen Wiener Morbidität geschuldeten, virtuellen Friedhof der vielen namenlosen, grosso modo unbekannten, mit grenzenloser Leidenschaft gesegneten Kaffeesieder, der zwischen gepflegtem Grant und Engelsgeduld oszillierenden servilen Domestiken des „schwarzen Goldes“ vulgo Kaffee, dieser auserwählten Virtuosen, sowie der namentlich bekannten Cafétiers-Dynastien lauten?
„Röst in Peace!“
„Café de Vienne“ beschreibt eine feuilletonistisch-fotografische Expedition zweier bekennender „Koffein-Junkies“, des Wiener Autors Gregor Auenhammer und des Triestiner Fotografen Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Die beiden loten in Wort und Bild die nahezu sprichwörtliche klassische Wiener Kaffeehaustradition – inklusive des epidemisch grassierenden Kaffeehaussterbens – einerseits, und die wechselseitigen Einflüsse der Wiener Kulinarik und Kultur in der Welt – und vice versa, aus der Welt, andererseits, aus.
Auenhammer und Sackl-Kahr beschreiben die Geschichte des Kaffees, die diversen Sorten, Arabica und Robusta, die Arten der Rösterei, die Aromen der „Wiener Bohne“, die Jahrhunderte alte Kaffeehauskultur per se, deren Einflüsse, Tradition, deren Herkunft sowie deren Ausprägungen im Lauf der Zeit – und setzen all das in Kontext mit dem Hier und Jetzt. Während das alte Wiener Café angeblich langsam ad patres zu gehen scheint, erblüht in der Donaumetropole ein buntes Potpourri an Einflüssen aus aller Welt, ersteht ein Bouquet an Düften, Aromen, ein neuer Reichtum an Aspekten und Formen des Genusses von „schwarzem Gold“. Metamorphosen überall …
Naturgemäß beleuchten die Autoren die austriakische Caféhausliteratur, die Musik- und Kunstszene, Philosophie, Design, Wissenschaft vom Fin de Siècle bis zum heutigen Tag. „A jed’s Caféhaus sperrt amoi a bissel zu“, raunten Hans Moser und Paul Hörbiger selig. Das Tschocherl, in dem Qualtinger ein Achterl – „rot oder weiß? – „Na, Slibovitz“ – in die Kehle stemmte, kommt genauso zu Ehren wie die „Espressos“ mit ohne Charme. Heutige Refugien, kleine Bars à la Italianità. Kaffee aus Bali, der Türkei, aus Kenia und Vietnam, sie alle haben heute Platz in einer multikulturellen, weltoffenen Stadt wie Wien. Trotz, oder wegen der typischen Grantler, die als Oberkellner in den Cafés der Stadt Hof halten?!
Österreich ist überall – könnte man angesichts des internationalen Spinnennetzes, welches die Wiener Kaffeehauskultur fein um den Erdball gewoben hat, sinnieren. Dieser These folgend verführen die beiden Autoren auch assoziative Reisen in ferne Länder, zu Art- und Wahlverwandtschaften, zwischen Berlin, New York, Paris, Singapur, Triest, Rom und Venedig.
Gregor Auenhammers Texte, oszillierend zwischen barocker Opulenz und deskriptiver Sachlichkeit, lyrischer Poesie und historischer Klarheit treten in einen intensiven Dialog mit den wunderbar aus der Zeit gefallenen, mit einem leichten, eleganten Sepia-Ton angehauchten Schwarz-Weiß-Fotografien von Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.
Eine Wunderkammer des Geistes, ein Zaubergarten des Analogen als Hommage an die Stadt, als Hymnus an das Leben.
[Idee, Konzeption & Komposition: Gregor Auenhammer & Robert W. Sackl-Kahr Sagostin | Text: Gregor Auenhammer | Photographie: Robert W. Sackl-Kahr Sagostin | Herausgeber: Gregor Auenhammer]
Rezensionen
Daniel Voglhuber: Das Wiener Kaffeehaus – der Platz an der SonneDie Cafés sind Bühne, Arbeitszimmer, Zufluchtsorte – und stecken voller Klischees. Doch die Wiener Kaffeehauskultur strahlt über Österreich hinaus – und empfängt Einflüsse zurück, wie ein neues Buch zeigt.
Kaum ein Ort ist so klischeebeladen wie das Wiener Kaffeehaus. Dass der Kaffee so dünn sei, dass er eher Abwaschwasser gleicht. Kommt schon vor, aber es geht auch gehaltvoll. Oder dass hier ältere Herren „Herr Generaldirektor“ genannt werden. Stimmt tatsächlich, aber doch nicht immer.
Und dann sind da – natürlich – noch die grantigen Kellner, diese mythischen Gestalten, die den Verlängerten auf den Tisch knallen. „Es gibt sicherlich Kaffeehäuser, bei denen es kein Wunder ist, dass sie eingegangen sind – Orte, an denen die typischen Grantler zu Hause waren“, sagt Gregor Auenhammer. Und: „Der Grant, der den Wienern nachgesagt wird, ist ja vergleichbar mit dem Vorurteil über die Franzosen. Beides stimmt nur bedingt. Ein Grantler bleibt nur so lange einer, bis man ihm freundlich begegnet. In Paris ist es ähnlich – begrüßt man jemanden im Café freundlich auf Französisch, wird man ebenso freundlich behandelt. Tritt man hingegen auf Englisch auf, sieht die Sache ganz anders aus.“
Auenhammer weiß, wovon er spricht. Der Autor hat unzählige Kaffeehaus-Besuche hinter sich und gemeinsam mit dem Fotografen Robert W. Sackl-Kahr Sagostin am Buch „Café de Vienne“ gearbeitet, das Anfang Oktober erscheint. Gerade rechtzeitig zum Tag des Kaffees am 1.10.
Fotografische Expedition
Wer jetzt eine weitere klassische Chronik des Wiener Kaffeehauses erwartet, wird enttäuscht. Dieses Buch ist eine „feuilletonistisch-fotografische Expedition“, die das Wiener Kaffeehaus auf ungewöhnliche Weise erkundet: zwischen Klischee, Genuss und Weltkultur, mit neuen, alt anmutenden Fotos und stilistisch üppig wie eine Cremeschnitte.
„Wir wollten fragen: Was macht das Wiener Kaffeehaus eigentlich aus? Wo kommt es her, welche Einflüsse prägen es, wohin strahlt es aus? Und wo findet man diese Kaffeehauskultur heute noch“, erklärt Auenhammer.
Denn das Wiener Kaffeehaus ist keine reine lokale Angelegenheit: Vom Jugendstil-Kaffee in Kairo bis zum Café Sabarsky in New York zeigt sich, dass diese spezielle Kaffeehauskultur weltweit ihre Spuren hinterlässt – und gleichzeitig neue Einflüsse nach Wien zurückströmen. Äthiopische, griechische oder vietnamesische Cafés in der Hauptstadt sind heute selbstverständlicher Teil des Ganzen. „Das Kaffeehaus zeigt sich hier als Spiegel einer multikulturellen, pluralistischen Gesellschaft, die ineinanderfließt.“
Kaffeehauskultur gibt es auch in Buenos Aires oder Paris. Was macht also das Wienerische aus? „Das Glas Wasser, das den Kaffee begleitet und die Geschmacksnerven auf besondere Weise anspricht.“ Wienerisch ist der Mittagstisch mit Schnitzel, Frittatensuppe und vegetarischen Menüs. Ohne Einflüsse wäre die Kaffeehauskultur undenkbar. „Das klassische Wiener Kaffeehaus lebt von der französischen Patisserie, der böhmischen Küche, der italienischen Lebensart“, sagt Auenhammer. Selbst der Cappuccino hat einen kleinen Reisepass: Er basiert auf dem Kapuziner, der mit österreichischen Besatzungstruppen nach Italien gelangte – und dort zu dem wurde, was wir heute kennen.
Doch Wien hat ein Alleinstellungsmerkmal: Hier kann man Mokka einfach als Mokka bestellen – sonst nirgends . Die Reise des Kaffees begann im jemenitischen Mekka, seine Heimat sozusagen. Im Osmanischen Reich war er eine Zeit lang sogar verboten: Großmufti Mehmed Ebussuud Efendi erklärte Kaffee für „haram“ und sorgte sich, dass Kaffeehäuser die Menschen vom Moscheebesuch abhalten könnten.
Den Kaffee versüßen
In Wien war man ebenfalls vorsichtig: „Es gab zunächst Skepsis, weil der Kaffee bitter und stark war und auf die Nerven gehen konnte“, erklärt Auenhammer. Doch kombiniert mit Mehlspeisen entstand daraus ein Gesamtkunstwerk.
Auch typisch wienerisch: „Man bezahlt zwar den Kaffee, aber bekommt im Endeffekt weit mehr geboten.“ Tageszeitungen, die in den Holzstöcken warten, leise Klaviermusik im Hintergrund – das Café als Erlebnisraum. „Es ist eine Wunderkammer des Geistes“, sagt Auenhammer, und genau so lautet auch der Untertitel des Buches. Bevor man sich also über die Wucherpreise für einen Großen Braunen aufregt, lohnt es sich, kurz innezuhalten – und das Gesamterlebnis auszukosten.
Von den klassischen Wiener Cafés gibt es heute nur noch ein paar Dutzend, sagt Auenhammer. Während er und Fotograf Sackl-Kahr Sagostin am Buch arbeiteten, mussten gleich mehrere Häuser schließen. „Gleichzeitig aber entstehen neue, oft kleine Cafés – und die legen erstaunlich hohes Niveau an den Tag“, sagt der Autor, der sich gern mit Dingen beschäftigt, von denen es heißt, sie seien dem Untergang geweiht. Bücher, Theater, Kino – allesamt schon totgesagt, erleben sie wieder einen erstaunlichen Aufschwung.
Und Auenhammer hat Hoffnung: Auch die jungen Menschen, denen man gerne nachsagt, sie würden lieber aufs Smartphone starren als auszugehen, könnten den Weg ins Kaffeehaus zurückfinden. Denn auf dem Display warten keine echten Freunde, keine Ratschläge, kein lebendiger Austausch. „Das reale Leben wird zurückkehren – und mit ihm eine Wiederbelebung des Cafélebens.“
(Daniel Voglhuber, Rezension im Kurier-Magazin „Freizeit“ vom 27. September 2025, S. 47 ff.)
https://kurier.at/freizeit/zeitgeist/kaffeehaeuser-wien-kultur-auenhammer-buch/403086315
Gregor Auenhammer: Befreit von Patina
Das „Wiener Caféhaus“ wurde 2008 von der Unesco zum Welterbe ernannt. Dennoch wird regelmäßig epidemisch grassierendes Kaffeehaussterben beklagt. Anlässlich des Internationalen Tags des Kaffees am 1. Oktober erscheint nun die Monografie „Café de Vienne“. Standard-Autor Gregor Auenhammer und der Fotograf Robert Sackl-Kahr Sagostin auf ihrer Tour d’Horizon durch sämtliche Institutionen.
A jed’s Kaffeehaus sperrt amoi a bisserl zu“, sang dereinst in wunderbar melancholisch-nasalem Timbre Hans Moser, Gott hab ihn selig. Man schrieb das Jahr 1947 – und damals begann schon das Phänomen des sogenannten Caféhaus-Sterbens, befeuert auch durch den kometenhaften Aufstieg der kleinen, schnelllebigen „Espressos“, mit ohne Charme. Seitdem sind Jahrzehnte ins Land gezogen, von Jahr zu Jahr geben namhafte Cafétiers das Ende ihrer Etablissements bekannt. Allein in der letzten Dekade haben über ein Dutzend der Ur-Wiener Institution, altehrwürdige „verlängerte Wohnzimmer, ihre Pforten für immer geschlossen. Man entsinne sich literatur-historisch relevanter Cafés wie dem Griensteidl, das einst als Tempel der Muse, des Feuilletons, des unabhängigen Journalismus, der Kultur und Demokratie diente, das nun am Altar des Kapitalismus zum Konsumtempel umfunktioniert wurde. Zugleich entstanden aus dem Nichts, wie Phönix aus der Asche, neue Refugien der Kaffeetradition, aus aller Herren und Damen Länder kommend siedeln sich Menschen in Wien an, weil sie in der Wiege der Kaffeehaustradition Hoffnung für das Neue hegen. Sie sind gekommen, um zu bleiben.
Es geziemt sich nicht, zynisch oder larmoyant in morbide Melancholie verfallen zu wollen. Man muss stets die Contenance bewahren, n’est-ce pas? Solange es „den“ Wiener gibt, gibt es ein Wiener Caféhaus, mitsamt Nonchalance und Charme désolé. Das älteste seiner Art ist das Frauenhuber, dessen Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen, das jüngste jenes, das morgen, übermorgen, oder überübermorgen neu aufsperrt. Auch die Art der Konsumation verändert sich. „To go“ war früher ein „No-Go“, heute ist es urbane Normalität. Zudem gibt es mobile Cafétiers – auf Rädern, Motorrollern und Foodtrucks – teils mit überraschend fantastischer Qualität.
Österreich ist überall – in „dera Wöd“
Die „Zuag’rasten“, wie „der echte Wiener“ neue Mitbürger gerne apostrophiert, leisten etwas, das man als „wechselseitige Befruchtung“ beschreiben muss. Und doch, so fern sind die „Neuen“ gar nicht, so neu ist das Neue gar nicht, so fern ist das Alte nicht vom Ins-Land-Getragenen. So stellt man fest, dass manche Kekssorten in Madrid auch heute noch nach Wiener Rezepten gebacken werden, dass es „arme Ritter“ à la Habsburg in Montevideo wie in Spanien gibt, gebacken in einem Frauenkloster, das eine Hofdame der Habsburger Infantin, der späteren Königin Isabel, vor dem Spanischen Erbfolgekrieg auf die Iberische Halbinsel exportiert hatte.
Andererseits gibt es heute in Wien einen Exil-Portugiesen, der auf Lastenrädern wunderbare Pastel de Nata anbietet, ganz ident den alten Rezepten des Jerónimo-Klosters im Lissaboner Stadtteil Belém. Nicht zu vergessen der talentierte August Zang, Zeitungsverleger, Politiker, der, angewidert von seiner Heimatstadt Wien, einst als Bäcker das Kipferl nach Paris exportierte – umgekehrt existieren heute einige erlesene Cafés mit französischem Savoir-vivre und frischen Croissants in der Bundeshauptstadt. Die Tour d’Horizon entlang der Wiener Caféhauskultur führt von Triest über Rom und Paris nach Marrakesch, Kairo, Istanbul, nach Hamburg, Berlin bis New York und nach Bali – zum Kopi Luwak, dem teuersten Kaffee des Planeten. Übrigens: Der global Italiens Röstkunst zugeschriebene Cappuccino wurde seinerzeit von österreichischen, die Besatzungsmacht begleitenden, in der Lombardei stationierten Kapuzinermönchen kreiert. Frei nach der Einsicht: „Österreich ist überall – und nirgendwo!“
Dieser Tage, in denen fast alles, was man sagt, auf die Gold-Waagschale gelegt wird, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, alles sei eine Glaubensfrage. Selbst der Genuss des einst „von de Kaffern“ importierten Kaffees mutiert zum Glaubenskrieg. Robusta, Arabica, Wiener Bohne, Triestiner Röstung – alles wird zum Glaubenskrieg, geführt von den seltsamen Kongregationen des unheiligen Ungeistes der Intoleranz.
Muss man mit dem Untergang des Abendlandes rechnen? Hatte Peter Handke bei der Ballade des letzten Gastes an die Cafés von Zweig und Joseph Roth gedacht? Ist Samuel Becketts Worstward ho – Aufs Schlimmste zu prophetisch zu interpretieren?
Es gilt in Vergessenheit Geratendes, zu Unrecht Missachtetes vor den Vorhang zu bitten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ohne Ansatz des ohnehin unhaltbaren Anspruchs des Lexikalischen. Assoziativ, affirmativ. Subjektiv, objektiv, als Stachel wider selbstzufriedene Saturiertheit. Wider die Dämonie der Gemütlichkeit. Im Sinne und im Geiste des seligen Hans Moser heißt es dann beschwingt „Ober zahlen, Ober zahlen, bittescheen …“ Mit Grandezza versteht sich, raunte doch die typische Wiener Melange eines Grantlers mit Herz einst im Duett mit Paul Hörbiger Der Wiener braucht sein Stammcafé. Na oisdann, gemma, gemma …
(Exzerpt aus Gregor Auenhammers Text zu „Café de Vienne“, erschienen als Vorabdruck im Standard-Feuilleton „Album“ vom 27. September 2025, S. A 7)
https://www.derstandard.at/story/3000000289563/das-vom-aussterben-bedrohte-wiener-kaffeehaus-feiert-im-cafe-de-vienne-seine-auferstehung
Günther Haller: Ins Kaffeehaus: Eine Expedition
Was macht die Eigenart der 130 heute noch existierenden Wiener Traditionscafés aus? Zu Gregor Auenhammers neuem Buch.
Warum geht man in Wien ins Kaffeehaus? Gemeint ist: in eines der altehrwürdigen Cafés, um deren Existenz man sich bekanntlich Sorgen machen muss? Weil man nicht anders kann, so Thomas Bernhard: „Da ich an der Kaffeehausaufsuchkrankheit leide, bin ich gezwungen, immer wieder in ein Literatenkaffeehaus hineinzugehen, auch wenn sich alles in mir dagegen wehrt.“
Doch was sucht der Besucher, die Besucherin hier? Keine der unzähligen Anekdoten, die wir über das Wiener Kaffeehausleben der Vergangenheit im Kopf haben, geht ein auf die Qualität des Produkts, das hier serviert wurde. Man nahm es offenbar in Kauf, hie und da ein schlechtes Gesöff, ein „Gschloda“, serviert zu bekommen. Es ist die Atmosphäre des Raums, die den Geschmack des Getränks schlägt. Wobei immer schon galt: Das Ambiente konnte durchaus aus leicht verschlissenen Sitzecken und Wänden, die laut nach einem neuen Anstrich riefen, bestehen. Heimito von Doderer, ein Stammgast des legendären Café Hawelka, sagte einmal, das Lokal sei deswegen unsterblich, „weil Herr Hawelka nicht renoviert“.
Somit bleibt immer noch die Frage offen, was der Besucher, nein, nicht der Besucher: der „Bewohner“ (Alfred Polgar), hier suchte. Die Gesellschaft anderer? Das können wir von einem stadtbekannten Grantler wie Thomas Bernhard nicht annehmen. Er zog sich im Café Bräunerhof in seine Fensternische zurück und man konnte nichts ausnehmen von ihm als zwei Hände, die eine großformatige Zeitung hielten. Auch Doderer meinte: „In Wien geht man ins Café, um sich zurückzuziehen, und jeder setzt sich, inselbildend, soweit wie möglich von jedem anderen.“ Allein sein, aber in Gesellschaft, das war das Ziel.
Rot-weiß-rote Identitäten
Wien verkauft sich gern als die Wiege der abendländischen Kaffeehauskultur und als Gralshüter dieser wohldosierten Halböffentlichkeit mit Marmortischen, Thonetstühlen, Logenplätzen an hohen Fenstern und einer Innenausstattung, die an die goldene Ringstraßenära erinnert. Doch es geht schon lang nicht mehr um eine lokale Besonderheit, auch wenn es angeblich ein wesentlicher Bestandteil der austriakisch-kakanischen Identität ist.
Der Journalist und Autor Gregor Auenhammer beschreibt in seinem neuen Buch „Café de Vienne“, wie sich die Wiener Kaffeehauskultur wie ein Spinnennetz über die Metropolen der Welt verbreitet hat. Seine Tour d’Horizon führt von Wien nach Triest, Rom und Paris, von Marrakesch bis Buenos Aires, und er erinnert daran, dass die erste Ausschank von Kaffee in Europa in England stattfand, in einem Pub in Liverpool. Weil man diesem Gewerbe keine große Zukunft voraussagte, wurde es nach kurzer Zeit wieder aufgegeben. Das war wohl ein Fehler. Vor allem hinterfragt das Buch rot-weiß-rote Traditionen und Identitäten. Ohne Einflüsse wäre nämlich die Wiener Kaffeehauskultur undenkbar. „Das klassische Wiener Kaffeehaus lebt von der französischen Patisserie, der böhmischen Küche, der italienischen Lebensart.“ Der Cappuccino entstand angeblich, als in Norditalien stationierte österreichische Soldaten der Habsburger-Monarchie ihren gewohnten Kapuziner, eine Wiener Kaffeespezialität, verlangten.
Gregor Auenhammers Annäherung an das Thema ist eigenwillig und subjektiv. Wie in seinen kenntnisreichen Büchern über die Flüsse, die Brunnen und die Fassaden Wiens assoziiert er in wilder sprachlicher Tour de Force drauflos, schlägt gedankliche Kapriolen, „Worte jonglierend und zu Kaskaden schlichtend“, nennt er das selbst. Offensichtlich sieht er sich als Autor in der Tradition des klassischen Wiener Zeitungsfeuilletons, das einst hundert Jahre lang florierte und 1938 ausgelöscht wurde. Man sollte daher nicht wie der Rezensent den Fehler machen, das Buch von Ein Buch gegen das Vergessen vorn bis hinten zu lesen und sich über das Fehlen von Chronologie und stringenter Themenführung sowie unerklärliche Auslassungen zu wundern. Warum wird das Café Landtmann nur in einem Nebensatz erwähnt und das Prückel nur en passant?
Touristisch stark besuchte Cafés werden bei Auenhammer mit Verachtung bestraft. Mein Tipp daher: Man sollte die sprunghafte Methode des Autors auch als Leser übernehmen, interessant klingende Fundstellen, von denen es genug gibt, aufsuchen und wie ein Stadtflaneur die Orte in dem Buch besuchen, in denen die Welt der seltsamen Geschichten und Legenden rund um den Kaffee ausgebreitet werden. Man kann sich dabei an der grandiosen Fotoserie des Grazer Künstlers Robert Sackl-Kahr Sagostin erfreuen. Seine Kaffeehausinterieurs, monochrom, von heute und dennoch alt anmutend, wie aus der Zeit gefallen, „sphärisch entrückt“ nennt das Auenhammer, sind ein besonders eindrucksvolles Plus dieses schönen Buches.
(Günther Haller, Rezension in der Presse vom 18. Oktober 2025, S. 29)
Danielle Spera: Eine Wunderkammer voller Bilder
Ein neues Buch über jene Institution, die Wien seit Jahrhunderten prägt wie kaum eine andere, versetzt den Leser mitten in die Atmosphäre der klassischen Wiener Kaffeehauskultur. Mit Geschichten, Anekdoten und Abenteuern rund um das Wiener Café.
Gregor Auenhammer und Robert W. Sackl-Kahr Sagostin unternehmen eine feuilIetonistisch-fotografische Expedition durch die klassische Wiener Kaffeehauskultur und ihre weltweiten Ausstrahlungen – und sie tun das mit spürbarer Leidenschaft, Kenntnis und einem gewissen liebevollen Übermut.
Auenhammer nähert sich dem Thema nicht systematisch, sondern assoziativ. In kurzen, oft pointierten Kapiteln spannt er den Bogen von der Geschichte des Kaffees und der „Wiener Bohne“ über die Typologie der Kaffeehausgäste bis hin zu den globalen Verästelungen der Kaffeehauskultur: von Wien nach Triest, Rom und Paris, weiter nach Marrakesch, Istanbul, New York oder Bali, wo der legendäre Kopi Luwak als teuerstes „schwarzes Gold“ auftaucht. Den Leser erwartet keine chronologische Darstellung, das Buch lädt eher zum Blättern, Verweilen, Wiederentdecken ein, so wie man im Kaffeehaus entspannt innehält.
Auenhammer schreibt im Geiste des klassischen Wiener Feuilletons, bildreich, anspielungsreich, mit Lust an der Abschweifung und an der kleinen, schrägen Beobachtung am Rande. Manchmal gerät die Prosa dabei fast barock, doch gerade diese Überfülle passt zum Sujet: Das Kaffeehaus als Ort der Überlagerungen, in dem Klischees, Erinnerungen, Legenden und Alltagsrealität ineinanderfließen. Besonders reizvoll ist, wie konsequent der Autor die Wiener Kaffeehauskultur aus ihrer vermeintlich nationalen Enge herauslöst und als Produkt von Durchmischung und Migration begreift – von der französischen Patisserie über die böhmische Küche bis zur italienischen Lebensart.
Robert W. Sackl-Kahr Sagostin liefert dazu die visuelle Partitur. Seine in Monochrom-Tönen gehaltenen Fotografien sind von heute und wirken doch wie aus der Zeit gefallen. Sie zeigen Interieurs, Spiegelungen, Böden, Lampen, leere und besetzte Tische – Räume, in denen Menschen auftauchen, aber nie die Hauptrolle spielen. Das atmosphärische Licht, die Patina, das Spiel von Glanz und Abnutzung erzählen von jener spezifischen Mischung aus Melancholie, Behaglichkeit und leiser Exzentrik, die das Wiener Kaffeehaus so schwer erklärbar und doch sofort wiedererkennbar macht. Wir sind dankbar auch für das wunderschöne Bild aus dem früheren Café Eskeles, das auch eine NU-Ausgabe zeigt: Jene, mit der unvergleichlichen Hedy Lamarr am Cover.
Das Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – manche prominenten Häuser tauchen nur am Rande auf, touristische Ikonen werden eher skeptisch behandelt. Stattdessen richtet Auenhammer den Blick auf Eigenheiten, Randfiguren, Brüche und Verluste, etwa auf das „Kaffeehaussterben“ der letzten Jahrzehnte, dem parallel eine neue, oft qualitätsbewusste Café-Szene gegenübersteht.
Gerade darin liegt die Stärke von „Café de Vienne“: Das Buch ist weniger Denkmal als Debatte, weniger Nostalgiealbum als Reflexion darüber, was diese Orte einmal waren, was sie heute sind – und was sie vielleicht wieder werden könnten. Es lädt dazu ein, das Kaffeehaus nicht nur als touristisches Klischee oder kulinarische Adresse zu sehen, sondern als sozialen Raum, als Bühne für Einsamkeit in Gesellschaft, für zufällige Begegnungen und leise geistige Funken. Fazit: „Café de Vienne. Eine Wunderkammer des Geistes“ ist ein prachtvoll gestaltetes, sinnliches Buch, das sich auch als Geschenk empfiehlt – für Wien-Liebhaberinnen und -Liebhaber, für Kaffee-Afficionados ebenso wie für alle, die gern mit einem starken Espresso und einem guten Text in Gedanken auf Reisen gehen, reich belohnt mit neuen Blicken auf eine scheinbar vertraute Institution und mit Bildern, die man so schnell nicht wieder vergisst.
(Danielle Spera, Rezension in nu. Jüdisches Magazin für Politik und Kultur №102 = 4/2025, S. 46)
Gregor Auenhammer: Immaterielles Kulturerbe – befreit von Patina
Im Jahr 2008 wurde das „Wiener Kaffeehaus“ von der UNESCO in den Adelsstand erhoben und dem Kanon des immateriellen Weltkulturerbes hinzugefügt. Dennoch wird regelmäßig ein mutmaßlich epidemisch grassierendes Kaffeehaussterben beklagt. Die soeben publizierte opulente Monografie „Café de Vienne“ hinterfragt Realität und Mythen und dekuvriert ein buntes Kaleidoskop an wechselseitigen globalen Befruchtungen.
Österreich ist ein Land, in dem jedermann und jederfrau jederzeit nach Veränderung ruft, aber bitte nur unter der Voraussetzung, dass alles so bleibt, wie es ist und wie es immer schon war. Der Status permanenter Veränderungsresistenz – zumindest für einen selbst – ist de facto in einer Art virtueller Verfassung heimischer Tradition festgeschrieben. Granteln aber darf man bitte schon, tagtäglich und allnächtlich. „Das Manna fällt vom Himmel, das Wasser kommt aus der Leitung und der Kaffee aus dem Packerl“, heißt es. Und auch sonst nimmt man alles als selbstverständlich, als gottgegeben hin. „Heimat großer Töchter und Söhne, Volk, begnadet für das Schöne?“ – alles in allem gesegnet. Oder sollte es doch heißen: „Land der Hemmer, zukunftsbleich“? Doch gemach, Sie wissen, der Zweifel ist eine Hommage an die Hoffnung.
„Das Wiener Kaffeehaus ist ein Ort, in dem Raum und Zeit konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht“, lautet eine Alt-Wiener Weisheit. Doch das klassische Wiener Traditionscafé ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Was bedeutet das vonseiten der UNESCO verliehene Prädikat des immateriellen Weltkulturerbes abseits des reinen Lippenbekenntnisses?
Ein neues Buch versucht, Licht ins Dunkel zu bringen: „Café de Vienne“ beschreibt eine feuilletonistisch-fotografische Expedition zweier bekennender „Koffein-Junkies“, des Autors Gregor Auenhammer und des Fotografen Robert Sackl-Kahr Sagostin. Die beiden beschreiben aber nicht das Wiener Kaffeehaus per se, sondern besuchen vielmehr eine „Wunderkammer des Geistes“.
Auenhammer und Sackl-Kahr erzählen die globale Geschichte des Kaffees, erläutern die diversen Sorten, Arabica und Robusta, die Arten der Rösterei, die Aromen der „Wiener Bohne“, die jahrhundertealte Kaffeehauskultur per se, deren Einflüsse, Tradition, Herkunft sowie Ausprägungen im Lauf der Zeit und setzen all das in Kontext mit dem Hier und Jetzt. Während das alte Wiener Café angeblich langsam ad patres zu gehen scheint, erblüht in der Donaumetropole ein buntes Potpourri an Einflüssen aus aller Welt, ersteht ein Bouquet an Düften, Aromen, ein neuer Reichtum an Aspekten und Formen des Genusses von „schwarzem Gold“. Metamorphosen überall …
Naturgemäß beleuchten die Autoren die austriakische Kaffeehausliteratur, die Musik- und Kunstszene, Philosophie, Design, Wissenschaft vom Fin de Siècle bis zum heutigen Tag. „A jed’s Caféhaus sperrt amoi a bisserl zu“, raunten Hans Moser und Paul Hörbiger selig. Das Tschocherl, in dem Qualtinger ein Achterl – „Rot oder Weiß?“, „Na, Slibovitz“ – in die Kehle stemmte, kommt ebenso zu Ehren wie die „Espressos“ mit ohne Charme. Heutige Refugien, kleine Bars à la Italianità. Kaffee aus Bali, der Türkei, Griechenland, aus Kenia und Vietnam, sie alle haben heute Platz in einer multikulturellen, weltoffenen Stadt wie Wien. Trotz, oder wegen, der typischen Grantler, die als Oberkellner in den Cafés der Stadt Hof halten?!
Dabei stellen sich die Autoren durchaus diskursiv und konspirativ die Frage, was wirklich „typisch wienerisch“ ist; anhand von Miniaturen, historischen und kulinarischen Recherchen, Schnurren, G’schichtln, Feuilletons, Anekdoten und vielen ausführlichen Porträts. Ausufernd, aber nicht lexikalisch. Amüsant, ironisierend, mit Augenzwinkern ...
Gregor Auenhammers Texte, oszillierend zwischen barocker Opulenz und deskriptiver Sachlichkeit, lyrischer Poesie und historischer Klarheit, treten in einen intensiven Dialog mit den wunderbar aus der Zeit gefallenen, mit einem leichten, eleganten Sepia-Ton angehauchten Schwarz-Weiß-Fotografien von Robert Sackl-Kahr Sagostin. In der Imagination des Sphärischen und Atmosphärischen kommen Vertreter alle möglichen und unmöglichen Fraktionen und „Glaubenskongregationen“ zu Wort, von der pelzkappenbehüteten Hofratswitwe über Hipster aus Bobostan bis zu „Hausmasters’ Voice“. Mit Widerhaken und Widersprüchen legen die Autoren bewusst manch falsche Fährte, trachten aber stets danach, der Seele des Kaffeehauses nachzuspüren. Selbstverständlich mit Abstechern in ferne Länder und alte Zeiten. Von Triest über Rom und Paris nach Marrakesch, Kairo, Istanbul, über Hamburg, Berlin, Venedig bis New York und nach Bali – zum Kopi Luwak, dem teuersten Kaffee des Planeten.
Die Autoren versuchen, in Vergessenheit Geratendes zu bewahren, Verschüttetes dem Orkus des Vergessens zu entreißen, verloren Geglaubtes zu exhumieren, zu Unrecht Missachtetes vor den Vorhang zu bitten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ohne Ansatz des ohnehin unhaltbaren Anspruchs des Lexikalischen. Assoziativ, affirmativ. Subjektiv objektiv, als Stachel wider selbstzufriedene Saturiertheit. Wider die Dämonie der Gemütlichkeit.
Entstanden ist ein Kaffeehaus-Guide der besonderen Art, rot-weiß-rote Traditionen und Identitäten hinterfragend, wechselseitige Befruchtungen und Metamorphosen dekuvrierend. Eine Wunderkammer des Geistes, ein Zaubergarten des Analogen, als Hommage an die Stadt, als Hymnus an das Leben. Frei nach der Einsicht: „Österreich ist überall – und nirgendwo!“
(Gregor Auenhammer, Rezension in Denkmal heute. Magazin für Denkmalpflege in Österreich, Ausg. №2/2025, S. 56 ff.)
https://denkmalfreunde.com/denkmal-heute-2-2025/
Weitere Bücher des Autor*s im Verlag:
Atlas Wiener Atlanten, Hermen & Karyatiden
Die Brunnen Wiens
Die Flüsse Wiens